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Equinox © Jeffrey K. Bedrick
Es wird erzählt, als 
Jesus geboren wurde, 
da erschien der Stern 
den drei Königen im 
Morgenland und sie 
machten sich, beladen 
mit den erlesensten 
Kostbarkeiten, Gold, 
Weihrauch und Mhyrre 
auf die beschwerliche 
Reise, um dem 
geweissagten neuen 
König aller Könige zu 
huldigen.
Weniger oft wird erzählt, 
daß Bethlehem irgendwo 
im Salzkammergut, in der 
Nähe des Traunsees lag, 
obwohl man doch auf vielen kleinen Krippen den Traunstein im Hintergrund erkennen 
kann. 

Und noch weniger oft wird erzählt, daß, als der Stern auf seinem Weg vom Morgenland 
ins Salzkammergut über die Steiermark zog, sich ein vierter König auf den Weg machte.
Der war allerdings kein mächtiger und reicher Herr, nur ein ganz kleiner König, 
aber gutmütig und menschenfreundlich. Schon von seinen Ahnen wußte er, daß einmal ein 
Stern erscheinen und den Beginn eines Reiches der Güte ankündigen würde. In seinem 
kleinen Königreich konnte er auch keine großartigen Geschenke auftreiben, wie Gold 
oder ähnliche Schätze. So packte der kleine König also einen Topf mit seinem besten 
Honig, ein Krüglein mit seinem besten Wein, ein Sackerl Maroni, eine Ringelblumen 
Kernöl-Salbe, die Decke mit den flauschigsten Daunen, ein paar Kerzen und andere 
Kleinigkeiten ein.

Dann machte sich der König auf den Weg, immer dem Stern folgend, den man ja auch bei 
Tag sehen konnte, weit über sein Königreich hinaus, bis er eines abends ein kleines 
Mädchen mit großen dunklen Augen am Wegrand stehen sah. Das Mädchen schaute ihm 
ganz traurig entgegen. 

"Warum bist Du denn so traurig?" fragte der keine König freundlich. "Weißt Du, unsere 
Ziege ist krank und gibt uns keine Milch. Mein kleiner Bruder weint den ganzen Tag, weil 
er Hunger hat." "Warte", sagte da der kleine König, "vielleicht kann ich Dir helfen!". 
Bei ihrer Hütte angekommen füllte er Wasser in einen Becher und mischte seinen Honig 
dazu. Das gab er dem kleinen Buben zu trinken. Der hörte auf zu weinen und leckte sich 
auch das letzte Restchen Honig schmatzend von den Lippen. Dann nahm der kleine 
König seine Ringelblumen-Kernöl-Salbe und strich der Ziege das Euter ein, damit 
sie wieder gesund würde und Milch gäbe.

Fröhlich, daß er der kleinen Familie hatte helfen können, machte sich der kleine König 
wieder auf den Weg, immer dem Stern folgend, der ja den genauen Weg kannte. 
Gespannt, was ihn am Ziel seiner Reise erwarten würde, wanderte der kleine König mit 
seinem Pferdchen über hohe Berge und durch weite Täler, durch einsame Wälder und 
durch Städte voller Menschen. Er zog vorbei an Königspalästen und an Hütten armer Leute 
und freute sich auf den Augenblick, da er seine Geschenke überreichen würde.

Nach einiger Zeit stieß er auf eine vornehme Reisegesellschaft, die auch dem Stern folgte. 
Er freute sich, daß er nicht mehr alleine auf dieser beschwerlichen Reise war und schloß 
sich ihnen an. Aber sie ritten auf teuren Kamelen, die wesentlich schneller laufen konnten, 
als sein Pferdchen und so hatte er Mühe, Schritt zu halten. So kam er am Abend als letzter 
bei der Herberge an und dort hatten die vornehmen Herren mit ihrem Gold schon die letzten 
freien Plätze gekauft und waren gerade dabei, mit ihrem Weihrauch die ganz kleinen, die 
6beinigen Bewohner, zu vertreiben. So blieb dem König nichts anderes übrig, als im Stall 
zu schlafen.

Dort waren auch ein Bettler und seine Frau untergekrochen, und währen der kleine König 
schlief, hatte die Bettlersfrau einem kleinen Mädchen das Leben geschenkt. Als der kleine 
König Ihre Armut sah, da holte er aus der Küche des Gasthauses die Reste vom Abendessen 
der vornehmen Herren und gab sie gemeinsam mit seinem Wein den armen Leuten zum 
Festmahl. Und das Mädchen, das nichts außer seiner eigenen dünnen Haut mit auf die Welt 
bekam, hüllte er in seine Decke aus flauschigsten Daunen.

Am nächsten Tag zogen sie weiter, vorne der Stern, dann die vornehmen Herren und hinten 
drein der kleine König. So zogen sie, über hohe Berge und weite Täler, durch einsame Wälder 
und durch Städte voller Menschen. Manchmal schneller, manchmal nicht so schnell, und der 
kleine König immer hinterdrein. Der sah immer wieder das Gold der vornehmen Herren blitzen 
und zählte traurig im Geiste auf, was ihm von den kleinen Schätzen noch übriggeblieben war, 
was er dem König der Könige zum Geschenk machen wollte. So beschloß er, nun nichts mehr 
zu verschenken, sondern alles zum König der Könige zu bringen.

Eines Tages, nachdem sie schon lange durch tiefen, kalten Schnee gestapft waren, 
hatte der kleine König bei Einbruch der Dunkelheit wieder einmal den Anschluß zu den 
schnellen Kamelen der hohen Herren verloren. So ritt er etwas mutlos vor sich hin und hätte 
in der Dämmerung fast ein kleines Häuschen übersehen, das über und über mit Schnee 
bedeckt war und aus dessen Fenster kein Licht schien. "Besser als gar nichts!", dachte sich 
der kleine König, "da kann ich in dieser verlassenen Hütte schlafen, besser als im Freien 
bei dieser Kälte!". 
Sprach´s und ging ohne zu klopfen bei der Tür hinein. Wie erschrak er, als er sah, daß das 
Häuschen doch bewohnt war, ein Mann und eine Frau, aneinandergeschmiegt und vor Kälte 
zitternd, saßen in der finsteren Stube. "Aber gute Leute", meinte da der kleine König, 
"warum macht ihr denn kein Licht und warum heizt ihr denn nicht ein?". Da erfuhr er, daß sie 
keine Feuersteine hatten und darum immer ein kleines Lichtlein brennen hatten. Aber das war 
ausgelöscht worden, als eine vornehme Karawane wie ein Wirbelwind vorbeigezogen war. 
Und der Alte konnte kein neues Feuer holen, da er nicht mehr bei Kräften war, weil sie 
schon seit langem nichts anderes als trockene Brotrinde gegessen hatten. 

Ohne lange zu überlegen, was er sich anderntags überlegt hatte, holte der kleine König 
seine Feuersteine und den Zunder heraus, machte Licht, hackte ein wenig Holz und briet 
die Kastanien und gemeinsam schmausten sie in der warmen hellen Stube. Am nächsten 
Morgen half er noch, das restliche Holz zu hacken und machte sich dann eilends auf 
den Weg, aber ohne Hoffnung, daß er die Karawane noch einholen würde.

So folgte er mit beinahe leeren Satteltaschen wieder alleine seinem Stern, bis er sein 
Ziel erreicht hatte. Der Stern blieb groß und hell über einem gar nicht so vornehmen Stall 
stehen und leuchtete, daß es eine Freude war. Durch die Ritzen im Holz konnte der Kleine 
König ins Innere schauen. 
Einen Ochsen und einen Esel konnte er sehen, eine schöne Frau bei einer Krippe auf einem 
Ballen Stroh sitzen und auch einen schönen Herren. Und in der Krippe lag strahlen ein 
kleines Kind, mit dem Daumen im Mund und schlief. 

Von den reichen Königen mit ihren reich geschmückten Kamelen war nichts mehr zu sehen. 
Nur ihre Geschenke standen noch da, Kästchen mit Geschmeide und Edelsteinen, 
Gold und ein Hauch von Weihrauch hing noch in der Luft, sodaß sich die kleinsten 
Stallbewohner, die 6-beinigen, noch immer ein wenig am Rande hielten.

Traurig dachte der kleine König an seine leeren Taschen, nur ein paar 
Kerzen waren noch übrig. Aber auch wenn er all seine Geschenke noch gehabt hätte, 
neben den wertvollen Gaben aus dem Morgenland hätten sie doch recht ärmlich ausgesehen.

Trotzdem wollte er näher zum Kind und durch eine kleines Loch in der Ecke 
schlüpfte der Kleine König in den Stall. Er kauerte sich in den Schatten, 
zog seinen Mantel fest um sich und hing seinen Gedanken nach, bis er einschlief.
Da hörte eine tiefe, brummende Stimme, die ihn fragte: "Kleiner König, warum bist Du so traurig?" 
Erstaunt schaute er um sich, wer denn da gesprochen hätte. 
Der Mann und die Frau waren eingeschlafen, aber die Tiere hatten 
aufgehört mit dem Wiederkäuen und blickten ihn erwartungsvoll an. 
Mit seiner etwas nasalen Stimme, die eine Menge i´s erklingen ließ, 
wo keine hingehörten, wiederholte der Esel die Frage des Ochsen: 
"Kleiner König, warum bist Du so traurig?".

Da erzählte der König, daß er gekommen war, um dem Kind zu huldigen, 
aber daß er keine Geschenke mehr hätte, außer ein paar Kerzen, 
und daß er die nicht einmal anzünden könne, weil er kein Feuer mehr 
hätte und so jetzt am Ende seiner Reise mit leeren Händen dastünde.
"Aber warum denn?", fragten Ochs und Esel zugleich. 

"Denk doch an den Buben, der jetzt wieder Ziegenmilch zu trinken hat!" 
Und sogleich begann eine der Kerzen, die der Kleine König ganz 
vergessen in seinen Händen hielt, funkelnd und strahlend zu leuchten. 

"Denk an das kleine Mädchen, das Neugeborene, das nun in die 
flauschigsten Daunen gehüllt ist!", Sternspritzend erstrahlte die zweite Kerze. 

"Und denk an die alten Leute, die nun im Warmen sitzen!" sagte der Esel, 
der anscheinend immer das letzte Wort haben mußte und auch die dritte Kerze 
erstrahlte in gleißendem Licht. Da sah der Kleine König, wie ihn das Kindlein in 
der Krippe anlächelte, ganz beglückt über die strahlenden Kerzen und da erkannte er, 
daß es die guten Taten sind, die von selber leuchten und nicht das Gold, das erst funkelt, 
wenn es angestrahlt wird.

(sehr sehr frei nach der gleichnamigen Erzählung von Edzard Schaper, sabine & hannes 1998)